Wer Barcamps nicht kennt, der sollte eines besuchen. Es gibt dort weder Keynotespeaker noch ein festgelegtes Programm noch Expertenrunden. Dafür gibt es Begegnung und Austausch auf Augenhöhe.
Teilnehmer werden zu Teilgebern. Jeder hat etwas zu geben, ob er an einer Session teilnimmt oder eine Session gibt. Da jeder als Experte gesehen wird, braucht man kein Expertentum, was die Qualität der Beiträge beträchtlich erhöht.

Was ist eine Session? Eine Session ist das, was in einer Konferenz ein Vortrag ist, nur das eine Session kein Vortrag ist.  Eine Session ist ein Dialog, eine Fragestellung, eine Diskussion oder manchmal, ganz manchmal auch ein Vortrag. Interessiert ein Thema nicht, verläßt man höflichkeitshalber den Raum. Es ist unhöflich zu bleiben und sich zu langweilen.

Thematisch beschäftigt sich das CLC mit dem „Lernen in Unternehmen“, die Zusammensetzung der Teilnehmer in diesem Jahr war eine gelungene Mixtur aus den Bereichen Weiterbildung, Personalentwicklung, Hochschule, Berateung, selbständige Trainer, Trainingsanbieter und Sponsoren. Karlheinz Pape geht in seinem Blog ( http://khpape.wordpress.com/) aus Veranstaltersicht ausführlich auf das CLC ein. Aus Teilnehmersicht war es eine sehr vitale, offene, inspirierende und lohnende Veranstaltung.

Ich möchte diesen Beitrag nutzen, um auf eine meiner persönlichen Verstehensblockaden im Umgamg mit CorporatLearning einzugehen. In meinem Denkmodell ist es so, dass die Welt der Unternehmen innovativ, effektiv und zukunftsorientiert ist. Schule ist dagegen starr und rückwärtsgewandt, was manche traditionell nennen.

Vor Jahren hatte ich meinem Chef mal ein Scribble vorgelegt mit drei Wolken, die für Schule, Unternehmen und die internationale Entwicklung standen. Die Schulwolke stand und bewegte sich nicht, die beiden anderen Bereiche waren dynamisch.  Schule muss sich öffnen und schneller werden, war meine Aussage. Gut gesagt!

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Mit der  Vorstellungen von dynamischen Unternehmen schlug ich also auf dem CLC auf. Viele Beiträge beschäftigten sich mit Themen wie: Wie erstellt man Erklärvideos und setzt diese ein? Was kann man mit Podcasts machen?  Wofür braucht man Screencasts  usw.? In den Session merkte ich, dass es auch in den Unternehmen gewaltige Haken, Ösen und eingebaute Bremsvorrichtungen gibt. Für ein Erklärvideo braucht man ein Erklärvideoprojekt, ein Erklärvideobudget, einen Erklärvideoprofi, die Zustimmung des Betriebsrates, der IT-Abteilung, der Rechtsabteilung, der Marketingabteilung und der Fachabteilung und …. des Chefs.

Schule tickt mangels Budget anders. Meine Schüler schicke ich los mit dem Auftrag: „Macht ein Video über den Aufbau eines PC’s“. Vier Stunden später habe ich ein passables Video, unterlegt mit Musik, nicht perfekt, nicht vollständig aber zweckdienlich.
So frage ich mich, warum gibt man den Mitarbeitern nicht ein gutes Mikrofon in die Hand, eine Digitalkamera oder ein IPhone mit dem Auftrag ein kurzes Erklärvideo zu erstellen?

So einfach scheint es bei den meisten Unternehmen aber nicht zu sein.  Jochen Robes brachte es für mich auf den Punkt: „Da geht es immer um eine Menge Geld“. Vielleicht ist es ja so: Weil man viel Geld in die Hand nimmt und nichts schief gehen darf, braucht man ein Erklärvideoprojekt, ein Erklärvideobudget, der Einsatz von Erklärvideoprofis, die Zustimmung des Betriebsrates, der IT-Abteilung, der Rechtsabteilung, der Marketingabteilung, der Fachabteilung und …. des Chefs.

Angenommen man hätte kein Geld und wollte mit neuen Medien arbeiten, was würde dann passieren? Dann würden Erklärvideos nicht von Profis gemacht, sondern von den eigenen Mitarbeitern. Die  Videos wären nicht perfekt. Podcasts würde man mit dem IPhone machen und gleich posten. Screencasts würde man beim Arbeiten erstellen, mit vielen Ähs und Mmmh und etlichen Versprechern?  Aber, man wäre wesentlich schneller und auf lange Sicht auch besser. Und: Es wäre lebendig.

Das klingt sicher naiv. Ich denke, als Projektleiter macht man sich mit unprofessionell gestalteten Medien sehr angreifbar. Will man sich absichern, muss man  möglichst viele Abteilungen und Chefs einbeziehen. Einfach so drauflos machen zu lassen, das geht wahrscheinlich gar nicht.

Nach dem Camp verstehe ich CorporateLearning ein kleines bißchen besser. Eines ist mir aber sehr klar geworden, die dritte Wolke in meinem Bild – die internationale Entwicklung – kümmert sich weder um perfekte Lösungen noch um Silos. Sie ist unberechenbar, ambivalent, komplex und vor allen Dingen schnell.
Dieser Dynamik sind wir in Schule und Unternehmen ausgesetzt. Wir müssen Kontrolle aufgeben, um kontrollierte Entwicklung möglich zu machen. Wir müssen Fehler zulassen, um Fehler zu vermeiden. Wir müssen Expertentum meiden, um selbst Experten zu werden.

Dass so etwas funktionieren kann, beweist jedes Barcamp. Wer Barcamps nicht kennt, der sollte eines besuchen.