Ich bin ein alter Educamper, um nicht zu sagen ein uralter Educamper. Educamps lasse ich ungern ausfallen, aber zum Educamp nach Hattingen zog mich wenig. Hattingen war für mich ein Dorf irgendwo oben im Ruhrpott, weit weg von hier.

Dann habe ich die ersten Sessionvorschläge gelesen, die sich interessant und kreativ anhörten. Es durften Kinder dabei sein und man konnte vor Ort übernachten. Das hörte sich ganz gut an. Wo liegt Hattingen eigentlich genau?

Es ist so weit, dass die Bahnfahrt zwischen 4 1/2 Stunden und 6 Stunden dauert und man dafür 350 € berappen muss. Nee, das ist zu weit, da gehe ich nicht hin.
Vielleicht mit einem Fernbus? Die sind doch billiger! Ja, das sind sie, dafür fährt man insgesamt 10 Stunden. Nee, kein Hattingen dieses Jahr.
Auto? Billiger als Bahn und schneller als Bus aber anstrengender als beide. Nee, nee.
Flug? Kosten: 180€ Dauer: 2 Stunden. Na dann, Hattingen ich komme.

Der Tagungsort war ein DGB-Weiterbildungszentrum mit vielen Tagungsräumen, einem Schwimmbad, einer Sauna, vielen Freiräumen und mitten im Wald. Die Zimmer waren schön, das Essen gut, die Organisation einfach und die Atmosphäre entspannt, kinderreich und locker.

So das wärs!

Nein, das wärs nicht.

In diesem Educamp kam zum Bierernst eine große Portion Heidenspaß hinzu.
Standen bisher Techiethemen und universitäre Diskurse im Vordergrund, etwa: „Definition mobiler Apps und mediendidaktische Überlegungen für den Einsatz in der  Erwachsenenbildung“ :)) so gab es in Hattingen noch gänzlich andere Angebote bspw.: „Drohnenfliegen für Anfänger“, „Lightpainting“ oder „Theater goes Schule“.

Dazu gab es am Rande – also außerhalb des Sessionplans – noch eine Reihe weiterer inspirierender Angebote, etwa Stopp-Motion Filme, Icebreakerspiele, eine digitale Schnitzeljagd, Slow-Motion Videos, die Flipchartdoku und die flockige Moderation der Veranstalter.

Vielleicht hat die Anwesenheit der Kinder und Jugendlichen das seine zur Leichtigkeit dieses Educamps beigetragen.
Nele und Lotte, zwei Schülerinnen einer alternativen Schule in Hamburg, boten gleich zwei herausrgende Sessions an.

Das Thema Schulverweigerung / Schulabsentismus wurde erstmals thematisiert und es stellte sich bei der Session heraus, dass dieses Thema nicht nur die Teilgeber, sondern auch viele Sessionteilnehmer betraf.
Faszinierend fand ich auch Themen zu Alternate-Reality-Games (ARG) die zunehmend Eingang in die politische Bildung finden.  Ohne dass es die Teilnehmenden wissen, wird für sie im täglichen Leben eine Situation geschaffen, die sie nicht durchschauen, aber die von Ihnen Entscheidungen abverlangen. Bspw. zum Thema Sucht. Eine Klasse begegnet bei einer Schatzsuche einem betrunkenen Förster und muss auf diesen  irgendwie reagieren. Dieser hat eine Schatzkarte, die er den Schülern nur gibt, wenn er von diesen Geld für Bier bekommt. Wie reagieren die Schüler auf diese Inszenierung?
Eine ähnlich gelagerte Session gab es zu Betzavta, eine Form, die auf die Einübung von demokratischen Verhaltensformen in komplexen, widersprüchlichen Situationen zielt. Beide Ansätze schaffen ErLebenssituationen, die Ausgangspunkt für nachfolgende  Lernprozesse sind.

Bisherige Educamps hatten schwerpunktmäßig Sessions, die an Kognition und technische Themen adressierten. Dieses Educamp war anders. Vitaler, bunter, kreativer. Eine neue Form, die vielversprechend ist. Naja, und wo Hattingen liegt, weiß ich jetzt auch.