Vor Jahren habe ich mit einem Schüler einen Podcast zum Thema „Faulpelz“ gemacht. Kürzlich stolperte ich über diese Aufnahme, sie ist ein Augenöffner und ich empfehle, sich das Interview hier anzuhören. (http://sabelschule.podspot.de/post/faulpelze/)

Fragt man eine Klasse: “Wer von euch ist faul?”, dann melden sich alle. Fragt man weiter: “Wer von euch ist dumm?“, dann meldet sich ein oder zwei Schüler.

Wie kommt es, dass wir bereit sind eher als Faulpelz denn als Dummkopf zu gelten?

Ich persönlich habe lange geglaubt, ich wäre der faulste Faulpelz des Universums. Ich habe meine Hausaufgaben immer von den Nachbarn abgeschrieben, meine Hefte und Bücher immer vergessen, bin immer zu spät gekommen.
Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich, quasi genetisch bedingt, charakterlich ein Faulpelz bin.

Zugegeben, ich war wirklich faul wenn es darum ging Brötchen beim Bäcker einzukaufen, Kohlen aus dem Keller zu holen oder diese verhassten Hausaufgaben zu machen. Richtig fleißig war ich aber beim Fotografieren, in der Theater-AG, beim Fußball spielen.

Wie kommt nun der überwiegende Teil von Schülern einer Klasse zu der Annahme, dass sie faul sind?
Um es kurz zu machen, man erzählt es ihnen! Der Glaubenssatz geht so: „Menschen sind vom Wesen her faul und brauchen die Peitsche, damit sie arbeiten.“ „Kluge Experten wissen was richtig ist und sagen den dummen Anderen, was sie zu tun haben.

Wenn eine Gesellschaft jahrhundertelang einem solche Geschichten einbläut, dann wird aus der Story erst eine wahre Story und dann eine Realität. Eine reale Realität, in die man hineingeboren wird.
Geht man solch einer Story auf den Grund, so findet man deren Wurzeln meist tief in der Vergangenheit.
Um das Problem der Faulheit zu verstehen, muss man bspw. ins 16. Jhdt zurückgehen zu Calvin und dessen Lehren zur Arbeitsethik.

Demnach muss, um auserwählt zu sein und sich einen Platz im Himmel zu sichern, jeder im Sinne einer tugendhaften Lebensführung handeln, also so, als ob er von Gott auserwählt sei. Unbändiger Fleiß, individueller und wirtschaftlicher Erfolg können in der Folge als Zeichen für den Gnadenstand gewertet werden.
Das heißt, wer fleißig und reich ist, kommt in den Himmel, alle anderen in die Hölle. Im Himmel sind dann dementsprechend die Rockefellers, Buffets, Gates und die Albrecht Brüder.

Besonders im angloamerikanischen Raum haben diese Lehren die Gesellschaft geprägt und vor diesem Hintergrund lassen sich der überbordende Kapitalismus, die Kriege und rigorose Konkurrenz sehr gut ableiten.
Wir leben zunehmend in eine globale Realität mit immer mehr Zwang und Zeit- und sonstigem Druck, mit noch mehr Manipulation, Propaganda und Überwachung hinein. Es zeigt sich deutlich in Pisa-Klassenzimmern, Zeitdruck-Büros und Bachelor-Universitäten. Das Ende der Entwicklung scheint nicht in Sicht.

Was aber, wenn Druck und Zwang nicht mehr greifen? Wenn immer mehr Jugendliche die Schule verweigern oder Hochschulabgänger sich erst gar nicht in großen, starren Konzernen bewerben? Was ist, wenn Mitarbeiter die Unternehmen verlassen und dort Kreativität und Engagement verloren geht? Dann ist das ganze System bedroht, nicht heute aber morgen.

Um es zu verdeutlichen. Ein großer amerikanischer Konzern wollte ein neues, strategisch wichtiges Produkt entwickeln. Es wurde eine Mannschaft von 1000 Ingenieuren gebildet, um die Entwicklung voran zu treiben. Eine kleine Firma arbeitete mit 100 Leuten an der gleichen Aufgabe und brachte ihre Lösung früher auf den Markt als der Konzern, war günstiger und qualitativ besser. So etwas könnte auch großen deutschen Konzernen passieren.
Es stellt sich die Frage: Ist der Glaube an Macht und Autorität in dieser beschleunigten Gesellschaft noch zielführend? Wenn Sie sich diese Frage, in Anbetracht Ihres beruflichen Umfeldes, stellen, zu welchen Antworten kommen Sie?

Momentan findet in unserer Gesellschaft ein Paradigmenwandel statt, ein Wechsel, der sich an manchen Ecken der Unternehmen, Schulen und Universitäten zeigt. Es entstehen Konversationen, die zunehmend an Kraft gewinnen und neue Realitäten schaffen werden. Aber es wird seine Zeit brauchen, bis diese Stories die überkommende Story vom „faulen Menschen“ von „Command und Control“ verdrängt haben. Momentan ist das auch schwer denkbar in einer Welt in der „keine Sekunde ohne Leistung“ angestrebt wird.

Ich glaube, dass in Zukunft Werte wie Faulheit, Langeweile und Muse neu untersucht werden müssen. Kreative Prozesse brauchen den Leerlauf. Fleißig sind wir von allein, faul müssen wir erst werden.