Buckminster Fuller (1895 – 1985) ein bedeutender Designer, Erfinder, Ingenieur und Philosoph dachte an Selbstmord. Mit 32 Jahren war er pleite, versoffen und gescheitert. Er war im Begriff sich das Leben zu nehmen aber eine zufällige Beobachtung machte seinem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung.

Beim Anblick eines Ozeanriesen wurde ihm bewusst, welch gewaltigen Effekt die kleinsten Dinge haben können: Hinten am Schiff hängt das Ruder und ganz am Ende des Ruders hängt eine winzige Klappe, die sogenannte Trimmungsklappe. Diese Klappe zu bewegen kostet fast keine Kraft – aber sie reißt langsam das ganze Ruder herum und steuert damit, langsam und mit einer Zeitverzögerung den Kurs des Riesen.

„Wenn jeder Einzelne so etwas wie eine Trimmklappe sein kann, dann kann auch jeder, der auf intelligente Weise seine Kraft einsetzt, eine Richtungsänderung bewirken und die Welt verändern“, so vermutete er. Das wollte er noch versuchen, bevor er sich umbrachte.

Schulen und große Unternehmen sind organisatorische Ozeanriesen, deren mentale Struktur nur einen Kurs kennt, geradewegs so weiter wie bisher. Erstaunlich bei der großen Anzahl von  Change-Management Prozessen und Schulreformen, deren Ziel es ist, den Kurs zu ändern? Es geht vielleicht nicht um den Kurs, sondern um eine Richtungsänderung.

Ich meine, ein Richtungswechsel findet momentan an vielen Stellen statt. Die Trimmklappen zeigen bereits in die neue Zielrichtung, dem Ozeanriesen ist das jedoch noch nicht aufgefallen.

Margarete Rasfeld war mit Gerald Hüther und Prof. Breitenbach Berater der Kanzlerin in Sachen Bildung. Obwohl Frau Merkel weiß, dass die ganze Richtung nicht stimmt, kann sie nichts tun. Bildung ist Sache der Länder und die Kultusministerien kämpfen auf breiter Front – gegeneinander.
Wechsel ist von ganz oben nicht zu erwarten, erkannten die Berater und gründeten die Initiative „Schule im Aufbruch“. Sie tourten durch die Republik, hatten überall übervolle Veranstaltungen und verbreiteten unüberhörbar ihre Botschaft.

Frau Rasfeld ist Schulleiterin einer Berliner Gesamtschule. Ihr Schulkonzept ist ungewöhnlich und die Umsetzung bereits seit Jahren erprobt. Scharen von Lehrern und Schulleitern besuchen die Schule, werden von Schülern (!) unterrichtet und durch die Gebäude geführt.

In einer Veranstaltung am IPSN in Nürnberg waren sie und zwei Schülerinnen anwesend. Diese berichteten von dem Schulfach „Herausforderung“.
Jeder Schüler wählt sich selbst eine Herausforderung aus. Sei es eine Radtour, eine Wanderung, die Arbeit an einem Projekt oder sonst eine Aufgabe, der sie sich stellen. Ausgestattet mit 150.- Euro müssen sie drei Wochen ihre Unternehmung in die Tat umsetzen und zwar außerhalb von Berlin. Wenn die Schülerinnen darüber berichten, leuchten ihre Augen und die Augen der Zuhörer leuchten mit.

Im Rahmen dieser Veranstaltung traf sich eine Gruppe von Lehrern, Schulleitern, Sozialpädagogen, Erziehern usw. zum Meinungsaustausch. Viele versuchen gerade diese und ähnliche Konzepte in ihren Schulen umzusetzen. Sie stehen am Anfang, wissen nicht ganz genau, womit man am besten beginnt, wissen auch nicht genau wie das Kollegium reagiert, fangen aber an irgendeiner Ecke an. Gemeinsam ist den Vorreitern eine Hoffnung, Schule so zu gestalten, dass sie den Schülern dient anstatt einer ängstlichen Bürokratie, die alle Bereiche schulischen Lebens unter Kontrolle hat.

Zwei Stunden später befinde ich mich auf einer anderen Veranstaltung, an einem anderen Ort, mit andere Teilnehmern und einem anderen Veranstalter.
Der BVMW (Bundesverband mittelständische Wirtschaft) lädt ein zum Film „Augenhöhe“. Augenhöhe ist ein crowdgefundeter Dokumentarfilm, der von Unternehmen handelt, die Entscheidendes anders und vieles besser machen: Hier sind Fairness, Innovation, Eigenverantwortung und Zusammenarbeit gelebte Werte.
Schwer vorstellbar in einer Zeit, in der Effizienz und Zeitknappheit das berufliche Leben bestimmen.
Im Anschluss an das Video kommt man in Form eines World Cafe’s  schnell ins Gespräch, tauscht Meinungen und Meinungsverschiedenheiten aus. Das ist neu, denn bisher stand der Referent am Ende eines Vortrags für Fragen zur Verfügung. Jetzt sprechen die Teilnehmer miteinander. Praktizierte Augenhöhe.

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs und dieser Umbruch zeigt sich in kleinen Änderungen. Erst ändern sich die Gedanken, später das Verhalten, dann die Stellung des Trimmruders, des Ruders und schließlich bewegt sich – irgendwann einmal – der ganze Dampfer in eine andere Richtung.
Das starre System Schule und das System Wirtschaft befindet sich genau genommen in unseren Köpfen. Wenn es sich bei jedem von uns  mehr in Richtung Herz bewegt, dann geben wir diesen Systemen einen entscheidenden Impuls in Richtung Menschenwürde, die – so habe ich gehört – unantastbar ist.