Lernort Platz.

Plätze sind Orte der Begegnung mit eigenem Charakter.

Vor einigen Jahren verbrachte ich meine Osterferien in Salamanca. Ich wollte herausfinden, was den europäischen Geist ausmacht.
Salamanca ist eine der ältesten Universitätsstädte in Europa, deswegen vermutete ich, dass dort wohl noch etwas von diesem Spirit zu finden sein müsse.

Ostern war in meinen Vorstellungen gleichbedeutend mit Frühjahr: Leute die flanieren, Leben in allen Gassen, laue Temperaturen.
Die Realität war anders: Es war kalt und Schnee bedeckte die Dächer.
Ich lag oft im Bett unter der warmen Decke und las in einem amerikanischen Sachbuch.

In der zweiten Woche besserte sich das Wetter und ich machte mich auf die Suche. In der Universität, in den Kathedralen, den Restaurants, den Kneipen, bei den Umzügen, auf dem Markt. In allem drückte sich europäischer Geist aus, aber irgendetwas fehlte.
Die meiste Zeit verbrachte ich vor den Bars und Cafes und schaute dem Treiben zu. Ganz besonders hatte es mir der Plaza Mayor angetan, man sagt, dieser wäre der  schönste Platz Spaniens.

Alte Männer treffen sich dort, halten einen Schwatz, trennen sich und treffen später wieder aufeinander. Lieferwagen versperren einem die Aussicht, Jugendliche sitzen auf dem Boden und ältere Frauen kommen vom oder gehen zum Einkauf.

Aus einer Laune heraus fing ich an zu knipsen, jede gefühlte 30 Sekunden ein Foto vom Plaza. Das sah dann so aus. (Die Bildqualität ist leider grottig).

 

Der Plaza Mayor bietet die Möglichkeit für Gespräch, Kontakt, Austausch oder auch für Prozessionen, Ansprachen und Märkte. Langsam dämmerte es mir, dass ein wesentlicher Teil des europäischen Geistes die Plätze und die öffentlichen Räume sind. Plätze sind Treffpunkte von Jung und Alt. Sie erlauben ein soziales Feld, einen Rahmen, innerhalb dessen sich soziales Leben entfalten kann.

Räume sprechen, teilen sich mit, machen etwas mit uns. Wir nehmen die Sprache der Plätze und öffentlichen Räume meist unbewusst wahr. Wirksam ist die Sprache trotzdem. Hochhäuser schüchtern uns ein, Nischen geben uns Sicherheit oder sind gefährlich, Straßenkreuzungen machen uns hektisch und Einkaufszeilen wecken unsere Gier.

Leider hat sich die Sprache der öffentlichen Räume  in den letzten Jahrzehnten massiv geändert. Zunehmend haben sich Großkonzerne in den Innenstädten eingenistet und bestimmen den Ton.  Ob DM-Markt, Rossmann, Fielmann oder McDonalds, sie sind die Stärkeren im Standortwettbewerb und zwingen Einzelhändler an den Rand oder in die Insolvenz.

Damit gehen gleichzeitig Stimmung und persönliche Beziehung verloren. Statt einem echten Bäcker haben wir es mit einer Back-Kette zu tun, statt einer Metzgerei mit der Feinkosttheke von Edeka oder Rewe. Irgendwie schmeckt dann alles nach Backling.

Wir sollten uns unsere öffentlichen Räume zurückerobern!
Wir brauchen Märkte mit regionalen Anbietern, Plätze, auf die man sich setzen kann, Bänke, die zum Ausruhen einladen, Bäume und Sträucher die sich zu den Menschen gesellen (oder umgekehrt), Räume in denen man gemeinsam arbeiten und lernen kann und Straßenkünstler, die etwas Zauber ins Einerlei bringen.

Kurz, wir brauchen mehr europäischen Spirit statt internationaler Vermassung!

Unsere europäischen Wurzeln sollten wir pflegen.
Vielleicht ist es ein erster Schritt, sich bewusst zu machen, was unsere Plätze und Innenstädte denn ausstrahlen.

Machen Sie doch selbst mal die Probe aufs Exempel. Suchen Sie sich 2 Plätze oder Straßen in Ihrem Wohnort aus und gehen Sie ganz real dorthin.

Schauen Sie sich um und fragen Sie sich: Was sagt Ihnen der Ort? Was macht er mit Ihnen? Welche Einladung spricht er aus?