Die Stadt als Lernort

BWL handelt vom Leben  sagte mein Repetitor: Mit Betriebswirtschaft kannst Du alles werden,  Konzernleiter, Zuhälter, Dealer und Buchhalter.

Im BWL Unterricht geht es aber nicht ums Leben, sondern um  lebensferne Konzepte, langweilige Narrative und schwerverdaulichen Paragraphen.

Verlässt man die Schulzimmer,  Hörsäle und Seminarräume, dann kann man erkennen, dass wir umgeben sind von vitalen Informationen. Marketing findet sich beispielsweise  an jeder Haltestelle, jedem Bahnhof und auf den Kleidungsstücke jedes Schülers. Der Kauf eines angebissenen Brötchens  kann uns in die Tiefen des Vertragsrechts führen. Ein überfülltes Wartezimmer sagt etwas über unser Sozialversicherungssystem aus.

Also wie bringt man nun das Lernen aus den umbauten Räumen in das quirlige Leben? Für mich begann es mit der Idee Podcasts zu produzieren. Ich dachte, dass Lerninhalte während einer Straßenbahnfahrt zur Schule leicht aufgefrischt werden könnten.

Vor acht Jahren war die Produktion eines Podcasts  noch schwer, da gute portable Aufnahmegeräte viel zu  teuer waren. Heute ist nahezu jedes Smartphone verwendbar.

Ein Podcast ist schnell gemacht. Ich interviewte einen Freund, einen Bäcker zum Thema Lagerhaltung. Einen Kollegen, der ein Banker war, fragte ich, ob er mir einen Kredit geben würde- Er hat das rundheraus abgelehnt. Einen Kumpel  interviewte ich zum Thema Spekulation mit Aktien.  Da sprachen Betroffene über ihre Erfahrungen und das war spannend. Beispielsweise wenn der Bäcker davon erzählt, dass ihm einmal die Hefe ausgegangen ist. Da wird auch dem letzten Schüler klar, dass eine schlechte Lagerhaltung handfeste Konsequenzen nach sich ziehen kann. Die Bedeutung des Meldebestands erklärt sich ganz nebenbei von selbst.

In der Straßenbahn hat wahrscheinlich keiner meiner Schüler einen Podcast angehört, aber im Unterricht ließen sich die  Audios äußerst gut einsetzen.
Irgendwann kam dann die Idee, Podcast nicht nur zum Repetieren, sondern sogar zur Wissensvermittlung einzusetzen. Ich produzierte ein Audio und schickte die Hälfte der Klasse raus. Sie erhielten die genaue Anweisung, wie das Audio anzuhören und mit dem enthaltenen Inhalt umzugehen ist.
Den gleichen Stoff unterrichtete ich im Klassenzimmer. Im anschließenden Test stellte sich heraus, dass die Audiogruppe signifikant bessere Ergebnisse erzielte. Sagen wir beinahe signifikant, ein Schüler hatte abgeschrieben und brachte mein  Testverfahrens zum Einsturz.
Trotzdem, ich bin nach wie vor  davon überzeugt, dass die Nutzung von Podcasts zu besseren oder gleichwertigen Ergebnissen führt wie  herkömmlicher Unterricht. Podcasts sind ideale Medien zum Lernen, man erstellt diese schnell, braucht keine Profikenntnisse und kann sie bei Fahrten, beim Joggen, bei Wanderungen usw. nutzen.

Ein Wort zur  Bewegung.  Bewegung fördert das  Lernen. Die Wandelgänge in den Klöstern wurden nicht zuletzt auch deswegen angelegt, weil man erkannte, dass Gehen beim Denken hilft. Heute weiß man, dass beim Gehen der bidirektionale Austausch zwischen den Gehirnhälften  aktiviert und damit besser gelernt wird.

Bleibt die Frage: Warum sitzen Schüler und hören zu? Warum heißen Hörsäle so, obwohl dort doziert wird? Warum finden Meetings in Meetingräumen statt?  Meetingspaziergänge wären vorteilhafter, denn im Wald ist Powerpoint nicht möglich.

Aber nicht nur die Bewegung wirkt auf uns, auch Gebäude,  Straßen und Plätze triggern Gedanken an. Sie erzählen von alten und neuen Zeiten und teilen uns deren Zeitgeist mit.

Vielfach verstehen wir diese Sprache nur intuitiv, das reicht aus um die  Botschaften wahrzunehmen. Um sie ins Bewusstsein zu hieven, muss man ihnen Aufmerksamkeit schenken.
Nürnbergs Innenstadt hat eine Vielfalt an Straßen, Gassen und Plätzen die „sprechen“  und sind – im Gegensatz zu einem Aldi-Parkplatz – reich an Informationen.
Wie kann man eine Stadt als Lernort nutzen?
Eine Idee dazu  tauchte spontan bei einer Lehrerkonferenz auf. Wir fragten uns: Ist Nürnberg ein Lernort für Spanisch? Wenn man weiß, dass Nürnberg auf dem  Jakobsweg liegt, lässt sich leicht ein Bezug zur spanischen Sprache herstellen.
Mit Alicia, unserer  Spanischlehrerin, entwickelten wir eine Art Schnitzeljagd, um aktiv und passiv Spanisch zu lernen. Die beiden folgenden Videos zeigen, wie wir das organisiert haben.


 

Das ist zwar ein Beispiel aus dem Bereich Schule, aber das Prinzip gilt gleichermaßen für einen geschäftlichen Kontext.

In einem gewohnten Arbeitsplatz kommen nur die gewohnten Ideen.
Speziell beim Erstellen von Konzepten ist der sofort mögliche Zugriff auf den Rechner eher hinderlich. Wie wäre es, wenn man sich auf einen Kinderspielplatz setzt,  einen Stift, einige Blätter  Papier oder Legomännchen mitnimmt und sich vornimmt erst den Platz zu verlassen, wenn die grobe Struktur steht.

Sowas ist im Business unmöglich? Kann sein, aber einen Versuch wäre es doch wert.  Auch wenn man nur feststellt, wie reich an Informationen unsere Städte – noch – sind.