Storytelling als Unterhaltung für Kinder, das geht gut. Für Erwachsene in Begleitung von Kindern, das geht auch. Storytelling im Oberstufenunterricht – das ist Zeitverschwendung. Storytelling im Business-Kontext – wie bitte?

Ich habe eher durch Zufall entdeckt, welche Kraft Geschichten innewohnt. Aus irgendeiner Laune heraus sagte ich zu den Schülern: „Ich erzähle euch jetzt eine Geschichte. Ihr braucht nichts zu lernen, braucht euch nichts zu merken, braucht nur zuzuhören.“ Die Schüler legten den Kopf auf die Bank, entspannten sich und schaukelten mit dem Stuhl. Ich erzählte die Spontangeschichte von der Großfuß-GmbH, dem Geschäftsführer Klamm der stets in Geldnöten steckte, seinem Haus und seiner Hausbank die sein Haus wollte. Ich verwob in die Geschichte all die trockenen juristischen Sachverhalte, mit denen ich im normalen Unterricht die Schüler drangsalierte.

Da die Schüler nichts lernen sollten, lernten und merkten sie sich viel. Viel mehr und viel schneller als es im normalen Unterricht geschieht.

Um herauszufinden ob ich einen Zufallstreffer gelandet hatte oder ob man Geschichten gezielt einsetzen kann, erfand ich für die nächste Stunde die Person des Kettensägen-Joe. Einem Ami, der ins Büro des Vorstandvorsitzenden Faulhaut eindringt, die Füsse auf dessen Teakholz-Tisch legt, sich Feuer für seine Zigarre geben lässt und qualmend Faulhaut die Organe einer Aktiengesellschaft erklärt. Genauer gesagt der Aktiengesellschaft, in der Joe gerade sitzt und deren Aktienmehrheit er eben erworben hat. Es endet mit dem Fazit: Wenn sie nicht tun, was ich will, dann will ich, dass sie nichts tun.

Am Folgetag prüfte ich das Thema schriftlich ab. Der Klassenschnitt war fast eine Notenstufe besser als normal.

Warum haben Geschichten eine solche Wirksamkeit und warum nutzt man sie so selten?
Ein wesentlicher Grund liegt an der verwendeten Sprache. Gute Geschichten verwenden eine einfache Sprache, sie haben stets eine emotionale Färbung, beinhalten Personen, Orte und Situationen.

Die Unterrichtssprache ist wissenschaftlich orientiert, exakt und abstrakt. Platz für Phantasie und für Assoziationen wird nicht gelassen, das macht Unterricht so öde. Um ein Beispiel zu geben; der Nutzen von Story Telling wird in einem wissenschaftlichen Artikel wie folgt beschrieben:

Als nicht-technische Wissensmanagement-Methode hat das Story Telling das
Potential, diejenigen kognitiven wie auch emotional geprägten Wissensinhalte
anzugehen, die rein technischen und/oder quantitativ ausgerichteten
Instrumenten kaum oder gar nicht zugänglich sind. Erfahrungsgeschichten mit
ihren facettenreichen Assoziationen sind dazu geeignet, innerhalb der
Organisation Diskussionen und Gespräche und damit auch Reflexion
anzuregen und auf diesem Wege individuelle und organisationale
Lernprozesse in Gang zu setzen.
Siehe http://epub.ub.uni-muenchen.de/235/1/FB_127.pdf  Seite 7
Aha!
Verstanden? In einem Ted Talk zeigt Tyler DeWitt anschaulich, wie man es besser macht und warum Geschichten im Unterricht so wenig genutzt werden. (Das Video ist sehr zu empfehlen.)

 

Im Business-Kontext tut man sich mit Storytelling ebenfalls noch schwer. Dabei schwirren in den Organisationskulturen unzählige Stories unkontrolliert durch die Räume. Zehn Minuten am Kaffeeautomaten machen deutlich wovon ich rede.
Stephen Denning beschreibt in seinen Büchern (The Springboard. How Storytelling Ignites Action in Knowledge-Era Organizations), wie er Springboard-Stories genutzt hat, um die Idee des Wissensmanagement in der Weltbank zu verbreiten und  zu etablieren.

Neue Stories in Organisationen einzubringen ist nicht leicht, die alten Stories am Kaffeeautomaten wollen das nicht. Change-Management Par Order Du Mufti geht nun aber schon gar nicht, alle Stories machen dann sofort mobil.

Was bleibt ist die Einsicht, dass Storytelling mehr ist als Unterhaltung für Kinder, es ist eine ernst zu nehmende Kunst.