Vergleicht man den heutigen Stadtplan von Nürnberg mit den Stadtansichten von vor 500 Jahren, so stellt man noch fast die gleichen Grundstrukturen fest. Die Stadt ist organisch gewachsen, es entstanden Plätze, enge Gassen und breite Straßen, Biergärten, Parkanlagen, Gärten, Wirtschaften und Brücken. Viele Gelegenheiten sich zu treffen, Gemeinschaft und Nachbarschaft zu leben und zu erleben.

Arco ist eine alte italienische Stadt am Gardasee. Abends sitzen Touristen und Einheimische in den Cafes am Platz vor der Kirche. Kinder toben schreiend herum, Erwachsene trinken einen Spritz, Wein, Cappuccino und beobachten das Geschehen.
Man kennt sich vom Sehen, den gelangweilten Kellner, den Macho mit der roten Brille, die drahtige  Sportlerin mit Fahrradhelm und buntem Trikot und den Ladeninhaber, der bräsig vor seinem Laden sitzt.

Ray Oldenburg nennt das dritte Orte.  Neben Wohnung und Arbeitsplatz sind das die Orte, in denen öffentliches Leben stattfindet – third places.
Diese Orte dienen jedem einzelnen aber auch der Gemeinschaft. Sie lassen Nachbarschaft entstehen, sind offen für Fremde, dienen als Treffpunkt, bringen Jung und Alt zusammen, erleichtern es Freundschaften zu schließen, Partner zu finden oder Reden zu halten.

Europa ist reich an dritten Orten, sie sind über Jahrhunderte entstanden und existieren in vielfältiger Form. Noch! Zum Glück!

Wendet man den Blick auf die andere Seite des Atlantiks, ergibt sich ein anderes Bild. Durch Zuwanderung am Anfang des letzten Jahrhunderts wuchsen Städte in einer ungeheuren Geschwindigkeit. Verwaltungshochhäuser baute man in Wohngebiete ungeachtet des Schattenwurfs. In der Innenstadt nahmen Industriegebäude wichtigen Wohn-Raum für sich in Anspruch. Um  den Wildwuchs einzudämmen wurde  dann 1926 ein Gesetz erlassen (Euclid v. Ambler),  das eine Bebauung in Zonen vorgab, in Zonen zum Wohnen, zum Konsumieren und für die Industrie. Wohnhäuser wurden in einer Zone zugelassen, Industriegebäude in einer anderen und Geschäfte in einer weiteren Zone (Single-use zoning).

Was man dabei nicht beachtete waren die weiten Entfernungen, die dadurch entstanden. Man brauchte ein Auto, um etwas einzukaufen zur Arbeit zu kommen. Große Shopping-Malls mit noch größeren Parkplätzen wurden benötigt. Große Unternehmen bauten ihre Gebäude weit außerhalb der Zentren. Die Gehsteige in den Vorstädten verschwanden, die meisten Wege konnte man nicht mehr zu Fuß zurücklegen (Siehe https://www.ted.com/talks/jeff_speck_the_walkable_city).  Mangels Treffpunkten lösten sich auch die Verbindungen zwischen den Menschen mehr und mehr  auf. Die dritten Orte verschwanden, Vereinzelung nahm zu.

Aber es geht nicht allein um Orte. Es geht um das vitale Leben, das sich entwickeln kann oder auch nicht. Winston Churchill brachte es auf die einfache Formel:  „Erst formen wir unsere Gebäude und Städte, dann formen diese uns.“

Es ist doch klar, dass Gedanken, Ideen,  Kreativität in einem Berliner Kiez anders geformt werden  als im Frankfurter Bankenviertel. Deshalb ziehen ja die Banker so gern in den Kiez.
Ein Arbeitsplatz hat  immer weniger einen festen Ort, vielmehr kann man mehrere Arbeitsorte haben, zu Hause, im Unternehmen, im Zug, im Café und irgendwo im Kiez.  Man arbeitet dort, wo man sich wohlfühlt und  eine Internetverbindung hat.

Dritte Orte sind die Arbeitsplätze der Zukunft. Es wird nicht mehr ausschließlich ums Essen und Trinken gehen. Man geht dorthin, wo man hingeht, wenn man Leute treffen will.  Etwa in Coworking-Cafés, in denen man alleine arbeiten oder schnell eine flexible Sitzgruppe für Meetings und Gespräche einrichten kann.
Gut findet man offene  Bereiche für Vorträge mit  Beamer, einer Wand für Zeichnungen, Skizzen und Post-Ist. Man könnte eine Zeitungsecke einrichten oder Flip-Charts und Legosteine verleihen. Man sollte Raum für  Meetups und Lean Coffees schaffen.

Starbucks macht es vor mit dem Motto: Starbucks – dein drittes Zuhause. Das funktioniert bestens, aber das Zuhause sieht irgendwie stets gleichförmig nach Starbucks aus.
Mir würde ein Arbeitsplatzkiez gefallen. Ein Bereich, in dem sich mehrere benachbarte Kneipen zusammentun und ein gemeinsames Coworking-Café-Konzept verfolgen. Ein Raum in dem europäische Vielfalt gelebt werden kann. Etwa unter dem Motto: Kreuzberg – dein dritter Arbeitsplätz!