Meinen ersten Vision Summit erlebte ich vor zwei Jahren. Für mich war es Inspiration pur! Es gab Workshops, Vorträge im Plenum und in kleinem Kreis. Die Referenten waren zum „Anfassen“, die Atmosphäre angeregt. Hier entstanden beiläufig interessante Gespräche, Kontakte ergaben sich spielend. Der örtliche Rahmen (Universität Potsdam) vermittelte das Gefühl von Campus, von Austausch, von Miteinander  –  kurz von WeQ. Das Catering war bestens und verteilt über die ganzen Räume. Das war 2012.

Mit diesen Eindrücken meldete ich mich zum Vision Summit 2014. Das Programm verwirrte mich etwas mit
kostenpflichtigen und
kostenlosen und
kostenreduzierten
externen und
internen Workshops und einer ganzen
Reihe von Vorträgen am Abend und am Folgetag.

Aber das Thema war vielversprechend.

Die LOCATION war direkt am Brandenburger Tor in der Allianz Arena, diese befand sich im hohlen Inneren des Gebäudes. Freundliche, Männerbullen im Anzug standen am Eingang und sorgten sowohl für Security als auch dafür, dass keiner den Kaffee mit nach draußen nahm.

Die Arena ist beeindruckend kühl.  Ergatterte man sich keinen der nicht ausreichenden Stühle, konnte man es sich auf den Steinsitzbänken am Rande unbequem machen. Ein kalter Luftzug, angereichert mit den Gesprächsfetzen aus dem Eingangsbereich, umwehte mich dort dauerhaft und erschwerte mir, mitzubekommen was WEIT vorne geschah.

IQ ist ja bekanntlich der Intelligenzquotient eines Individuums. Die Neuschöpfung des Begriffs WeQ soll auf die kollektive Intelligenz, die Intelligenz von Gemeinschaften hinweisen.
Das hörte sich spannend an, ebenso die Auswahl der Referenten – Hüther, Welzer, Rasfeld, Weinberg, Breuninger, Mohn, Spiegel. Und da war noch ein mir unbekannter Name,  ein gewisser Herr Rifkin. Er ist wohl ein Vordenker,  einer der die Bundeskanzlerin und die EU berät und der auch bei Frau Maischberger ins Portfolio passt. Also eine „very important person (VIP)“ von der ich bisher noch nichts gehört hatte.

Rifkin als Keynotespeaker war angekündigt als der Höhepunkt der Konferenz. Er betrat nicht die Bühne, sondern begab sich ins Auditorium auf Augenhöhe mit dem Publikum. Eine sehr schöne Geste. Seinen Vortrag kannte ich schon. Ich hatte ihn mir auf  Youtube angesehen. Seine Keynote war der Aufguss der Youtube-Konserve. Nur im Video war er bedeutend besser zu verstehen.

Eine Simultanübersetzung gab es nicht. Womöglich ging man davon aus, dass die Anwesenden fit genug waren, um den volks-/betriebswirtschaftlichen Ausführungen locker zu folgen. Der Vortrag selbst war rhetorisch nicht schlecht. Wilde Assoziationsketten wurden darin derart zusammengeknüpft, dass sie am Ende zu dem Schluß führen: „Der Kapitalismus liegt im Sterben, die  ’shared economy‘ wird obsiegen“. WOW!

Mein persönlicher Höhepunkt des Abends war jedoch das anschließende Gespräch der Moderatorin mit Welzer und Hüther. Welzer wollte das Gesagte des besagten Keynotspeakers nicht unwidersprochen stehen lassen und widersprach. Mir sprach er damit aus der Seele!

Der Folgetag bestand aus Präsentationen, Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Selbst- und Fremdbeweihräucherungen und Brezen, die ich lediglich aß, um zumindest über das Essen etwas Gegenwert zum entrichteten Eintrittspreis zurückzuholen. Ein langfristiges Unterfangen bei dem kulinarischen Angebot.

Mein einziger Lichtblick der Veranstaltung war der Workshop am Nachmittag mit Helga Breuninger und Prof. Dr. Wilfried Schley. Hier fand ich WeQ: Workshopatmosphäre, Augenhöhe, Austausch und Inspiration.

In den vergangenen Tagen bekam ich mehrere Mails mit Links zu einer Webseite (www.weq.works), die als Nachklang zur Veranstaltung gemeint ist. Über den Summit liest man dort die im öffentlichen Leben übliche Selbstbeweihräucherung; es war alles ganz toll und prächtig, viel Glanz und Tralala. Dort erfuhr ich zudem, dass ich ein Vordenker einer ganz wichtigen Bewegung bin. Aber ich bin nicht nur ein Vordenker, sondern auch ein Nachdenker – und das Ereignis machte mich nachdenklich!

Da fuhr ich 900 km, zahlte für Übernachtung und Eintritt und erhielt ein dünnes Informationssüppchen auf einem riesigen Suppenteller. Man sagte mir, dass es viele 3-Sterne-Köche waren, die diese Suppe gekocht haben, WeQ müssen die glatt bei den Zutaten vergessen haben.

Mein Fazit: Anspruch und Wirklichkeit klafften im Vision Summit 2014 meilenweit auseinander. Von WeQ war so gut wie nichts zu spüren, von Verkündigungkonferenz sehr viel. Die Location war unüberlegt ausgewählt worden und das Catering fand statt.  Die Atmosphäre korrespondierte mit den Räumlichkeiten, für neue Kontakte gab es keinen Platz. Wenn ich schon ein Vordenker sein soll, dann denke ich, dass man auf diese Form von Konferenz (und Geschäftsmodell) zukünftig verzichten sollte.